Postwachstum zwischen Anführungsstrichen: auch „kontraintuitiv“ handeln

Den sozialökologischen Bewegungen attestieren Welzer und Sommer (2014): sie würden

regelmäßig institutionalisiert und vom Markt absorbiert

und in Teilmärkte abgedrängt. Diese in den Kapitalismus eingebaute Bewegungsbremse ließen sich dadurch erklären, dass

bislang nur selten die Produktions- und Reproduktionsverhältnisse der Gesellschaft

im Fokus dieser sozialökologischen Bewegungen gestanden hätten. Daher schlussfolgern Sommer und Welzer:

Transformationen (und Transformationsdesign) müssen daher – auch wenn das zunächst kontraintuitiv erscheint – auf der Ebene des Sozialen ansetzen und nicht bei Themen wie Energie, Umweltschutz etc. Erst auf der Ebene des Sozialen entscheidet sich die Frage, wie eine Gesellschaft eigentlich aussehen soll, in der man leben will.

An der Frage nach dem viel zitierten „guten Leben“ – und den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen dafür – kommen wir offenbar nicht vorbei. Und sie richtet sich vordringlich an jene Menschen, die sozialökologische Bewegungen in selbiger halten wollen: in Bewegung eben.


Literaturverweis:

Sommer, Bernd/Welzer, Harald (Hrsg.) (2014): Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne, München: oekom verlag, S. 68
[ISBN 978-3-865-81662-7]

Postwachstum zwischen Anführungszeichen: über „Horizontverschiebung“

In der 28. Ausgabe der Zeitschrift oya aus dem September/Oktober 2014 schreibt Andrea Vetter unter der Überschrift des „Entwachstum“ darüber, dass die Vision hinter dem, was weltweit mit dem Begriff „Degrowth“ belegt wurde, letzlich auf eine Verschiebung des eigenen Horizonts hinausläuft. Vermutlich können wir unsere Vorstellungskraft hinsichtlich alternativer Lebens- und Wirtschaftsweisen vor allem dadurch vergrößern, dass wir den Rahmen des bislang Vorstellbaren neu vermessen. Dazu kann eine zurückgewonnene Kultur des Geschichtenerzählens und des tatkräftigen Probierens maßgeblich sein. Serge Latouche fordert uns in diesem Zusammenhang zu einer

Entkolonialisierung des Imaginären

auf. Das heißt dann wohl, unsere Imagination sei bislang nicht über den Status einer Kolonie eines neoliberalen, wachstumsökonomischen Zeitgeistes hinausgekommen. Das gilt es zeitnah zu ändern. Wenn aber auch eine „Degrowth-Gesellschaft“ mehr sein soll, als eine kollektive (Wirtschafts-)Wachstumsrücknahmesammelstelle, dann wäre sie wohl am ehesten – mit den Worten von Andrea Vetter – eine

Gesellschaft des Wesentlichen.

Das wiederum wirft die umfassendere Frage nach dem auf, was wir als dieses Wesentliche erachten wollen.


Internetquellen:

Vetter, Andrea (2014): Entwachstum. In: oya, 5. Jahrgang 2014, Ausgabe 28, September/Oktober 2014, S. 14-18

Latouche, Serge (2005): Nachdenken über ökologische Utopien. Gibt es einen Weg aus der Wachstumsökonomie? In: Le Monde diplomatique, deutsche Ausgabe vom 11.11.2005

Postwachstum zwischen Anführungsstrichen: von „Häufigkeitsverdichtung“

Für Jürgen Osterhammel (2011) stellt sich die vermeintliche „Große Transformation“ viel mehr

als ein Zusammenspiel von zahlreichen kleinen Veränderungen dar[…].

Diese Veränderungen verlaufen zudem keinesfalls synchronisiert.
Osterhammel vertrat bereits früher (2009), die Ansicht, dass im Falle von

Häufigkeitsverdichtungen von Veränderungen

eine grunsätzliche Umformung von Produktions- und Reproduktionsverhältnissen der Gesellschaft bewirkt werden kann. Die bisherige Erfahrung mit einer solchen Umwälzung (explizit genannt: die Industrielle Revolution) schließt eine administrative oder politische Planung nicht mit ein – aber schließt dieser Umstand eine solche Transformationby design“ aus?


Literaturverweis:

Osterhammel, Jürgen (2011): Geschichtskolumne. Große Transformationen, In: Merkur, Heft 7, 65. Jahrgang, Stuttgart: Klett-Cotta Verlag, S. 625-631
[ISSN 0026-0096]

Osterhammel, Jürgen (2009): Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, München: C.H. Beck, S. 51
[ISBN 978-3-406-58283-7]

beide zitiert nach:

Sommer, Bernd/Welzer, Harald (Hrsg.) (2014): Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne, München: oekom verlag, S. 60
[ISBN 978-3-865-81662-7]

Postwachstum zwischen Anführungsstrichen: die „Sinndimension“

Wenn Sommer und Welzer (2014) in ihrem Buch von Transformation „by design“ sprechen, können sie das nicht, ohne die Sinnfrage aufzuwerfen: Wofür sollten wir eine solche „intentionale Veränderung“ einleiten?

Tatsächlich gewinnen solche Ziele und Vorhaben [eine „Große Transformation“ in Richtung Nachhaltigkeit, die „Energiewende“ oder das „2-Grad-Ziel“] ihren Sinn ja erst darin, dass mit ihnen ein wünschenswerter gesellschaftlicher Zustand aufrechterhalten werden kann. Diese Sinndimension von Transformation gerät in der öffentlichen, politischen und wissenschaftlichen Debatte nicht in den Blick, weil sie sich auf technische und ökonomische Gesichtspunkte und auf Probleme der Implementierung eines neuen Energieregimes beschränkt.


Literaturverweis:

Sommer, Bernd/Welzer, Harald (Hrsg.) (2014): Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne, München: oekom verlag, S. 51
[ISBN 978-3-865-81662-7]

Postwachstum zwischen Anführungsstrichen: „Selbstdeprivilegierung“

Bernd Sommer und Harald Welzer (2014) werfen im Rahmen ihres Entwurfs eines Transformationsdesigns einen kurzen Blick in die Geschichte der Moderne – dieser zeige,

dass alle Modernisierungsschritte der kapitalistischen Industriegesellschaft Ergebnis von Konflikten um Privilegien waren: Das gilt für die Abschaffung der Sklaverei genauso wie für die Entkolonialisierung, für den Kampf um die Arbeitszeit genauso wie für die Frauenbewegung. Immer werden zuvor privilegierte Gruppen im Ergebnis deprivilegiert, und natürlich hat keine dieser Gruppen dem drohenden Verlust von Privilegien freudig zugestimmt und sich kampflos zurückgezogen. […]

Im Unterschied zu dieser frühen Phase der Industrialisierung setzt eine Transformation zu einer reduktiven Moderne heute aber auch die Bereitschaft voraus, sich selbst zu deprivilegieren. Da die Herausforderung lautet, ein historisch ungeheuer erfolgreiches gesellschaftliches Modell so umzubauen, dass wir seine zentralen Errungenschaften bewahren und zugleich den Ressourcenverbrauch radikal absenken, kommen wir um die Erkenntnis nicht herum, dass eine sozialökologische Transformation unweigerlich das Herunterfahren von materiellen Ansprüchen, die Umgewichtung von Werten, die Veränderung der wirtschaftlichen Praxis, der Mobilität, der Ernährung, des Arbeitens, der Freizeit, des Wohnens bedeutet – zumindest für jene, die bislang auf Kosten anderer (seien es die Marginalisierten im globalen Süden und andernorts oder die zukünftigen Generationen) an den Errungenschaften der expansiven Moderne teilhatten.


Literaturverweis:

Sommer, Bernd/Welzer, Harald (Hrsg.) (2014): Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne, München: oekom verlag, S. 48f.
[ISBN 978-3-865-81662-7]

Kapitalismuskritik zwischen Anführungsstrichen: „imperiale Lebensweise“

Ulrich Brand und Markus Wissen (2011) prägen den Begriff der „imperialen Lebensweise„, worunter sie folgendes verstehen:

herrschaftliche Produktions-, Distributions- und Konsummuster, die tief in die Alltagspraktiken der Ober- und Mittelklassen im globalen Norden und zunehmend auch in den Schwellenländern des Südens eingelassen sind.

Als „imperial“ müsse diese Lebensweise auch deshalb gelten, weil ihre Voraussetzung in einem – dem Prinzip nach – schrankenlosen Zugriff auf u.a. Raum, Ressourcen und Arbeitskraft an anderen Orten besteht. Die Absicherung dieser Zugriffsmöglichkeiten erfolge dabei sowohl auf rechtlicher, politischer bis hin zu: gewaltförmiger Ebene. Exklusivität bestimme letztlich diese Lebensweise, da sie darauf beruhe, dass der Resssourcenzugang nicht allen Menschen in gleichem Maß gegeben ist.


Literaturverweis:

Brand, Ulrich/Wissen, Markus (2011): Sozial-ökologische Krise und imperiale Lebensweise. Zu Krise und Kontinuität kapitalistischer Naturverhältnisse, In: Demirovic, Alex/Dück, Julia/Becker, Florian/Bader, Pauline (Hrsg.): VielfachKrise. Im finanzmarktdominierten Kapitalismus, Hamburg: VSA Verlag, S. 79-84
[ISBN 978-3-89965-404-2]

Kapitalismuskritik zwischen Anführungsstrichen: „Reflexionsarenen“

Es sei bezeichnend für die bestehende nicht-nachhaltige gesellschaftliche Praxis der expansiv-extraktivistischen Moderne, so beschreiben es Bernd Sommer und Harald Welzer (2014) in ihrem Transformationsdesign, dass sie

jeweils Reflexionsarenen einrichtet, um den Normalbetrieb nicht zu stören und in Funktion zu halten. Das liegt in der Logik einer gesellschaftlichen Arbeits- und Funktionsteilung, die für moderne Gesellschaften charakteristisch ist: Es wird eine Reflexionsindustrie zum Thema Nachhaltigkeit etabliert, die überwiegend friedlich mit den fortgesetzten nicht-nachhaltigen Produktions- und Konsumptionsverhältnissen koexistiert. Das kann man nicht nur im Bildungsbereich [Beispiel: sog. »Bildung für nachhaltige Entwicklung« (BNE)] beobachten, sondern auch in der Klimapolitik, in der Mobilitätsentwicklung, beim Verbraucherschutz, wo auch immer: Jeweils etablieren sich reflexive Teilsysteme (Verbraucherberatung, Climate Service Center, CO2-Rechner), die die Verfahren des gesellschaftlichen Stoffwechsels selbst unberührt lassen.


Literaturverweis:

Sommer, Bernd/Welzer, Harald (Hrsg.) (2014): Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne, München: oekom verlag, S. 38f.
[ISBN 978-3-865-81662-7]

Postwachstum zwischen Anführungsstrichen: über „mentale Infrastrukturen“

Bernd Sommer und Harald Welzer (2014) lassen erkennen, dass ein Transformationsdesign ihren Typs, welches Wege in eine zukunftsfähige Moderne zumindest als betretbar ausgewiesen haben kann, an weit mehr als nur äußeren Bedingungen anzusetzen hat:

Es kommt also darauf an, nach Ausgängen aus jenem Korridor zu suchen, der die Zivilisierungsrichtung umgedreht und Demokratie, Staatlichkeit, Freiheit sukzessive immer mehr unter Stress geraten lässt. Allerdings sind solche Ausgänge nicht leicht zu finden, sind doch nicht nur unsere äußeren Lebens- und Überlebensbedingungen, die Infrastrukturen und Institutionen durch das expansive Kulturmodell geprägt, sondern auch die Innenwelten, also die »mentalen Infrastrukturen« (Welzer 2011), Wahrnehmungsweisen, Gewohnheiten, Routinen, Problemlösungsstrategien, Selbstbilder.

Diese mit der Wachstumsgesellschaft eng verbundenen Persönlichkeitsstrukturen halten demnach die Pfadabhängigkeit aufrecht, die uns die Suche nach alternativen Pfaden einstellen lässt, bevor wir sie starten können:

Die Transformation solcher kulturell-mentaler Formationen ist allenfalls in einem sehr schmalen Ausschnitt eine Aufgabe kognitiver Bearbeitung; da sie aus vorwiegend unbewussten Praktiken, Routinen, Gewohnheiten, Wahrnehmungsmustern etc. bestehen, muss ihre Veränderung vor allem praktisch vorgenommen werden […]. Ein Verlassen des konsumistischen Pfades beim Verhalten und Empfinden kann also nicht einfach postuliert oder durch moralische Appelle eingefordert werden, sondern nur […] im Zusammenhang mit der Etablierung neuer Sozialstrukturen gelingen.


Literaturverweis:

Sommer, Bernd/Welzer, Harald (Hrsg.) (2014): Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne, München: oekom verlag, S. 22f./106
[ISBN 978-3-865-81662-7]

Kapitalismuskritik zwischen Anführungsstrichen: „the molten god“

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Folgenden Monolog legt Ngũgĩ wa Thiong’o einem fiktiven Anwalt in Nairobi, Kenya, in seinem Roman Petals of Blood in den Kopf und Mund [es handelt sich beim nachfolgenden Text um eine deutsche Übersetzung aus dem Englischen]:

Es ist traurig, es schmerzt, bisweilen werde ich wütend, wenn ich die schwarzen Zombies, schwarze animierte Cartoons betrachte, die des Beherrschenden Tanz zu des Beherrschenden Stimme tanzen. Das werden sie mit Perfektion tun. Wenn sie aber müde davon sind oder sollte ich sagen: wenn wir müde davon sind, wenden wir uns der Kultur unseres Volkes zu und missbrauchen sie… nur zum Spaß, nach einer Flasche Champagner. Doch ich frage mich: welche andere Frucht erwarte ich denn von dem, was wir gesät haben? Gleichwohl schaue ich zurück auf die vergeudeten Chancen, auf die versäumten Gelegenheiten: auf die Stunde, den Tag, die Zeit, als wir, an der Wegkreuzung, die falsche Abzweigung nahmen.

Aaah, das war eine Zeit, an die wir uns erinnern sollten, als die ganze Welt – motiviert durch unterschiedliche Beweggründe und Erwartungen – wartete, sagte: sie, die Afrika und der Welt den Pfad von Mannhaftigkeit und von schwarzer Wiedergutmachung zeigten – was werden sie mit der Bestie anstellen? Sie, welche die Speere der Krieger in dem Blut der weißen Profiteure wuschen, von all denen, die sie versklavt hatten zum Dienst für das geschmolzene Biest aus Silber und Gold – welchen Tanz werden sie nun in der Arena tanzen?

Wir hätten alles tun können, damals, denn unser Volk stand hinter uns. Doch wir, die Anführer, wählten den Flirt mit dem geschmolzenen Gott, ein blindes, taubes Monster, das uns hunderte Jahre lang geplagt hatte. Wir argumentierten: was falsch ist, ist die Hautfarbe der Menschen, die diesem Gott dienten; unter unserer Pflege und Vormundschaft werden wir den Monster-Gott zähmen und ihn unseren Willen durchsetzen lassen. Wir vergaßen, dass er schon immer taub und blind gegenüber menschlichem Leiden gewesen ist. Also errichten wir das Monster und es wächst und wartet auf mehr – und nun sind wir alle seine Sklaven. In seinen Schreinen knien wir und beten und hoffen.

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