Kapitalismuskritik zwischen Anführungsstrichen: „Energiesklaven“-Metapher

Das „fossile Energieregime“ unserer Zeit stellt weit mehr als nur eine spezifische Form der Energieversorgung dar. Das wird uns spätestens dann bewusst, wenn wir dessen Verschränkungen mit den Gewohnheiten unseres Lebens – von Freizeitaktivitäten bis hin zu Konsum- und Mobilitätsmustern – erfassen.

Bereits 1949 beschrieb der rumänische Schriftsteller und Diplomat Constantin Virgil Gheorghiu in seinem Roman 25 Uhr (1949/1951) einen „technischen Sklaven“ als

Gefahr, die alle Menschen bedroht

aufgrund der Besetzung der

lebenswichtigen strategischen Positionen unserer Gesellschaft, Armee, Verkehr, Versorgung und Industrie, um nur die Kardinalpunkte zu erwähnen

durch eben diesen „technischen Sklaven“ in einer ebensolchen Weltordnung,

der uns täglich tausenderlei besorgt. Er bewegt unser Auto, er zündet unser Licht an, er läßt das Wasser über unsere Hände fließen, wenn wir uns waschen, er […] erzählt uns erheiternde Geschichten, wenn wir den Knopf an unserem Raido drehen, er baut Straßen, durchschneidet Berge!

In Niko Paechs Befreiung vom Überfluss (2014) verweist der Begriff „Energiesklave“ – im Sinne von Gheorghiu – als

elementarer Stützpfeiler des modernen Lebens

auf eben solche technischen Innovationen/Hilfsmittel/Werkzeuge, welche der Verwandlung von

vormals körperlich zu verrichtende Arbeiten in maschinelle, elektrifizierte, automatisierte, digitalisierte, dafür aber umso energieabhängigere Vorgänge

Vorschub leisten.

Jean-François Mouhot (2011) geht sogar so weit, unsere Abhängigkeit hinsichtlich der Nutzung fossiler Energieträger mit jener des Herren von der Sklavenarbeit in Sklaverei-Gesellschaften zu vergleichen (vgl. Sommer/Welzer 2014). Selbst auf moralischer Ebene muss diese Analogie als angemessen gelten, denn letztlich fügen wir – beabsichtigt oder nicht und wenn auch zeitlich wie geografisch versetzt – anderen Menschen Leid zu durch unseren Einsatz fossiler Brennstoffe und den damit verbundenen Treibhausgasemissionen.

Zuspitzung findet dies noch in der Metapher desEnergiesklaven“ von John R. McNeill (2005), die Sommer und Welzer (2014) wie folgt entfalten: Demnach

benötigte zum Ende des 20. Jahrhunderts ein Mensch zur Aufrechterhaltung seines Lebensstandards durchschnittlich 20 solcher »Energiesklaven«, also das Äquivalent von 20 Arbeitskräften, die 24 Stunden pro Tag und 365 Tage pro Jahr für ihn arbeiten

würden.

Fragen wir uns alle für einen Moment: Wie viele „Energiesklaven“ halte ich mir, um meine gewachsene Komfortzone aufrechtzuerhalten? Oder halten wir es auch weiterhin mit Franz Beckenbauer und seiner Blindheit für Sklaverei – selbst dann, wenn sie (auch in seinem Namen) ganze Stadien errichtet?


Literaturquellen:

Gheorghiu, Constantin Virgil (1951): 25 Uhr, 4. Auflage, Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, S. 58-68
[ISBN nicht verfügbar]

Paech, Niko (2014): Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie, 8. Auflage, München: oekom verlag, S. 40f.
[ISBN 978-3-865-81181-3]

sowie

McNeill, John R. (2005): Blue Planet. Die Geschichte der Umwelt im 20. Jahrhundert, Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, S. 3
[ISBN 978-3-893-31643-4]

Mouhot, Jean-François (2011): Past connections und present similarities in slave ownership and fossil fuel usage, In: Climatic Change, Volume 105, Issue 1-2, Cham: Springer International Publishing S. 329-355
[ISSN 1573-1480]

beide nach:

Sommer, Bernd/Welzer, Harald (Hrsg.) (2014): Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne, München: oekom verlag, S. 62
[ISBN 978-3-865-81662-7]

Faire Kiste als kleiner Welt(bauch)laden

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Fairer Handel – im Gegensatz zu den vereinzelten, fairwaschenen Sortimentsaufhübschungen im Discount-/Supermarkt-Regal sind (Eine-)Weltläden glaubwürdige Umschlagplätze für v.a. Lebensmittel aus Ländern dieser Erde, in denen der sog. Weltmarkt mit seinem ungebrochenen Freihandelsparadigma den Kleinbauern und -bäuerinnen keine existenzsichernden Preise zu zahlen bereit ist. Nun ist die vermeintliche Freiheit des Handels offensichtlich keine Garantie für Fairness oder gar Gerechtigkeit im Verhältnis zwischen dem Globalen Norden und dem Globalen Süden – hier lässt sich vielmehr unschwer ein neokolonialistisches Kontinuum erkennen.

Welchen Platz kann unter solchen Marktbedingungen ein abgespeckter kistenförmiger Welt(bauch)laden einnehmen? Damit lassen sich weiße Flecken einer Weltladen-Infrastruktur immerhin übergangsweise kompensieren. Zudem können auf diesem Weg faire(re) Produkte auch an Menschen herangetragen werden, die sonst vielleicht nie einen Fuß in einen Weltladen setzen würden.

Wenn ihr selbst eine solche Faire Kiste erwerben, aufstellen und bestücken wollt, dann ist die Fair-Handels-Beratung mit ihrem bundesweiten Netzwerk sicherlich ein geeigneter Erstkontakt. Für Mecklenburg-Vorpommern (und ggf. auch darüber hinaus) bietet die Ökumenischen Arbeitsstelle der Evangelischen Kirche in Rostock ein konkretes Angebot: 20 Euro für eine Kiste, wie sie oben zu sehen ist – nur die Produkte müssen dann noch besorgt werden. Hierfür ist eine Zusammenarbeit mit stationären Eine-Welt-Läden in eurer Region empfehlenswert, die auch bei der Produktauswahl unterstützend zur Seite stehen können.

Postwachstum zwischen Anführungsstrichen: über „Radikale Ökopsychologie“

Andy Fisher (Psychotherapeut, Wildnislehrer und Dozent) möchte eine Psychologie für eine ökologische Gesellschaft etablieren und verwendet das Wort „radikal“ dessen Herkunft entsprechend: also im Sinne von „zur Wurzel vordringen“, was für ihn bedeutet,

sich mit den Dingen in der Tiefe auseinanderzusetzen und dabei zum Aufbau einer neuen Gesellschaft beizutragen. […] Folglich fordern radikale Ökologen, dass die ökologische Krise auf der systemischen Wurzelebene anzupacken sei: kulturell, gesellschaftlich, politisch, ökonomisch, philosophisch, historisch – und psychologisch. Darüber hinaus erklären sie, dass die ökologische Krise nicht bloß nach politischen Reformen und etwas grüneren Lebensstilen rufe, sondern nach einer historischen Transformation,

an deren Ende eine völlig veränderte Gesellschaft stünde, die Fisher kurz als „ökologische Gesellschaft“ deklariert. In dieser würden sich

Produktiv- und Konsumkraft […] in die größere »Gesellschaft der Natur«

einfügen und dem Leben auf unserer Erde könnte Gelegenheit zur Regeneration gegeben werden. Was nun die Psychologie betreffe, müsse ein

Konflikt zwischen dem Hauptziel der Psychologie – dem Wohlergehen des Menschen – und dessen anthropozentrischer Missachtung des Wohlergehens der Erde als Ganzer

thematisiert und angegangen werden. Eine

Synergie zwischen persönlicher und planetarer Gesundheit

gelte es ins Bewusstsein zu rufen. Fisher geht noch ein Stück weiter und stellt eine quasi-natürliche Verbindung zwischen Radikaler Ökopsychologie und Kapitalismuskritik her, da

sich die Psychologie die individualistischen, marktwirtschaftlichen Ideologien unserer kapitalistischen Gesellschaft zu eigen gemacht

habe und damit einen Pakt

mit den Kräften eines naturbeherrschenden Gesellschaftssystems [… eingegangen sei], das nicht nur die Erde malträtiert, sondern auch den Menschen immenses Leid zufügt, ja, die menschliche Natur ausbeutet und knechtet.

Für Fisher ist

eine extraktivistische Gesellschaft, die weiterhin Kapital aus der brutalen Ausbeutung der mehr-als-menschlichen wie auch der menschlichen Natur schlägt,

von Konkurrenz, Unsicherheit und Niedertracht gekennzeichnet. Wir müssten

uns der Infiltration unserer sozialen Beziehungen durch das kapitalistische System widersetzen

und so zu einer

Kultur der Verbundenheit

kommen, welche die Mensch-Natur-Beziehung auf eine ursprüngliche, respektvolle Grundlage stellen würde.

Klassisch psychologischen bzw. psychatrisch Kategorien wie Narzissmus, Depression und Sucht ließen sich laut Fisher leicht auf die

Mechanismen einer Gesellschaft [zurückführen], deren oberste Priorität die Akkumulation von Geld ist[…].

Er begreift die Radikale Ökopsychologie als geradezu notwendigerweise kritische Psychologie, wenn sie ihrem Anspruch, zu den psychologischen Wurzeln der ökologischen Krise vorzustoßen, gerecht werden wolle. Ihre Theorien müssten

die komplexe Verwobenheit zwischen Gesellschaft, Ökologie und Psychologie nachzeichnen[…]. Die durch eine solche Theorie informierte Praxis muss wiederum wiederum Veränderung auf der kulturellen und gesellschaftlichen – nicht bloß auf der individuellen – Ebene anstreben.

Wie genau der von Fisher angedachte radikal-ökopsychologische

Dreiklang aus Therapie, Wiedererinnerungsarbeit und Kritik der kapitalistische Verwertungslogik

konkret aussehen soll, deutet er am Beispiel einer „Wildnisbewegung“ leider nur an. Hier wären spannende Narrative der Gelingens angebracht. So lange verharrt die Radikale Ökopsychologie wohl im Wollen.


Literatur- und Internetquelle:

Fisher, Andy (2014): Mensch, Natur, Psyche. In: oya, 5. Jahrgang 2014, Ausgabe 28, September/Oktober 2014, S. 58-59

Postwachstum zwischen Anführungsstrichen: über eine „licence to grow“

Martina Merz will in ihrem Kommentar Degrowth? Ach was! unter der Rubrik Neue Wirtschaft in der aktuellen Ausgabe (03.2015: Essen & Kämpfen) der taz.zeozwei – Das Magazin für Klima. Kultur. Köpfe weg von den in ihren Augen

verkopften Begriffe[n] und Systemerklärungsversuche[n]

wie Postwachstum und Degrowth – sie gingen quasi nichtssagend

an der unternehmerischen Realität vorbei.

Später stellt Frau Merz – neben der E-Fahrrad-Branche – vor allem

Biofirmen, ethisch-ökologische[n] Banken[…] und andere[n] ökologisch-soziale[n] Unternehmen

eine umfassende wie plakative

»licence to grow«

aus, mit der diese dann unter anderem

das Böse […] verdrängen

könnten. Diesem erklärten „Bösen“ stellt sie (ganz dualistisch) ein vermeintlich

gutes Wachstum

gegenüber, welches legitim sei und nur der politischen Förderung bedürfe, um den Menschen eineRechnung“ darüber vorzulegen, was sie

wie teuer zu stehen kommt.

Hier könnte Frau Merz möglicherweise unbewusst in die u.a. von Sommer und Welzer (2014: 78-86) beschriebene Falle der Ökonomisierung bzw. Inwertsetzung tappen. Ein Preisschild an jedem Teil der Bios- und Geosphäre, um eine solche „Rechnung“ über die

wahren Kosten der herkömmlichen Warenwelt

aufmachen zu können – das folgt letztlich nur konsequent der spätkapitalistisch-globalisierten Marktlogik, die in alle Bereiche des Lebens hineinzuwirken angelegt ist.

Ihr Abschlussplädoyer lautet:

Ran an das Verdrängungswachstum für ein gutes Leben!

Frau Merz als Gründerin einer „umweltorientierten“ Designagentur und Mitglied bei UnternehmensGrün (dem Bundesverband der „grünen Wirtschaft“) hebt durchaus mittelständisches und kleinunternehmerisches Ausbrechen aus dem Wachstumsdogma hervor und präsentiert mit Volker Plass (Bundessprecher der Grünen Wirtschaft aus Österreich) sogar eine Vision einer sesshafteren, sich vegetarisch ernährenden Weiterverwendungs- und Reparaturgesellschaft, in der Verzicht zu erwarten sei, der aber durch einen

Zugewinn an neuen sozialen Gesellschaftsformen (share economy, solidarische Landwirtschaft)

aufgefangen werden.

Sie trägt mit ihrer Wortwahl (Beispiel: „unternehmerische Realität“ und „Verdrängungswachstum“) sowie einem immanenten Dualismus (Gut vs. Böse) jedoch leider nicht wirklich zu einem konvivalistisch-solidarischen Grundton – weder in der Debatte noch in Bezug auf das von ihr betonte wirtschaftlichen Handeln – bei.


Literaturverweis:

Merz, Martina (2015): Degrowth? Ach was! In: taz.zeozwei, 03.2015, S. 71
[ISSN 2194-1246]

Sommer, Bernd/Welzer, Harald (Hrsg.) (2014): Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne, München: oekom verlag, S. 78-86
[ISBN 978-3-865-81662-7]

Die faire Welt des Onlinehandels senkt weiter ihre Zugangsschwelle

Ein Stück faire Online-Handels-Welt schon ab 10 € – so ließe sich wohl die aktuelle Änderung der Höhe des Genossenschaftsanteils an eben jener fair-welt-lichten Fairmondo eG besonders plakativ darstellen.

Die Genossenschaftsmitgliedschaft zum Preis eines Baum-Planzsets von meinwoody soll es auch den Menschen ermöglichen, ihren (Genossenschafts-an-)Teil zu einer faireren, auf den Online-Warenaustausch reduzierten Welt beizutragen, die ihr Geld bislang – drastisch formuliert – nicht durch ein Fenster im Stil der Renaissance werfen bzw. unter einer Brücke aus eben jener Epoche landen wollten. Zur Erklärung: Besagtes Fenster wie Brücke sind auf einem 50-Euro-Schein zu sehen, der stellvertretend für den bislang notwendigen Genossenschaftsanteil stehen kann.

Sofern die Zugangshürde zum Eintritt in die Genossenschaft hinter dem faireren Online-Marktplatz in Nutzer_innenhand bis dato also vom einzulegenden Geldbetrag aufgebaut worden sein sollte, wäre sie nun wohl für fast jede/n auf ein überwindbares Maß reduziert. Es mehr als 1.900 Mitgliedern gegenüber fast 8.400 Nutzer_innen (Stand: Juni 2015) gleich zu tun, kann euch euren eigenen und zugleich mit bald 2.000 Menschen geteilten Online-Marktplatz bescheren. Was ihr dann mit ihm anstellen, was ihr zu ihm beitragen wollt – das entscheidet ihr.

Vier Zehner mehr oder weniger – was ist euch ein Online-Handels-Platz wert, der seine Nutzer_innen nicht als willige Werbedatenlieferanten und bloße, unkritische Konsument_innen begreift, sondern als Mitgründer_innen einer faireren Plattform für den bewussten Warenaustausch im Netz? Erweitert jetzt euren Online-Handelsspielraum und zeigt euch widerständig gegenüber offenkundig profitgetriebenen, datenschutzlosen Aktiengesellschaften mit scheinbar reibungloser Benutzeroberfläche!

Postwachstum zwischen Anführungsstrichen: im „Selbstexperiment“

Stephan Rammler besteht im Interview mit Sommer und Welzer (2014) darauf,

dass das Private politisch ist. Es geht darum, die Dinge selber anders zu machen und eine private politische Praxis zu entwickeln. Das heißt, wenn ich über Konsummodelle oder ökologisch verträgliche Ernährungsgewohnheiten nachdenke, dann sollte ich selber damit experimentieren. Wenn ich über neue Mobilitätskonzepte nachdenke, sollte ich versuchen, neue Mobilitätspraktiken in meinen Alltag zu verweben. Es geht ja um Glaubwürdigkeit im politischen Prozess. Ein verändertes Konsumverhalten setzt zumindest Markierungen. Grüner Konsum wird die Welt nicht »retten«, aber im Privaten sich anders zu verhalten ist immerhin der erste Schritt.

Lasst uns uns selbst gegenüber glaubwürdig handeln – treten wir experimentierfreudig andere Pfade als den konsumistischen mit jedem neuen Schritt aus!

Vielleicht sehen wir aber gar nicht ein, warum unsere Schritte angesichts des globalen wachstumsgetriebenen Ganzen zählen sollten. Sommer und Welzer (2014) erkennen diesen vermeintlichen Widerspruch selbst an:

Insgesamt scheinen die oft sehr faszinierenden, aber alles in allem doch partikularen, wenn nicht sogar luxurierenden Transformationsbeispiele ausgesprochen klein gegenüber dem großen Problem einer strukturellen Einrichtung der Welt in Nicht-Nachhaltigkeit, wie sie gerade stattfindet. Tatsächlich kann man aber […] nicht wissen: […] welche weiteren, unbeabsichtigten und nicht-antizipierbaren Folgen ein Pfadwechsel hat, dessen Notwendigkeit hier begründet worden ist. Jeder Schritt in eine vom business as usual abweichende Richtung erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass auch der nachfolgende zweite, dritte, vierte Schritt in diese Richtung erfolgen wird – genauso wie umgekehrt das Verfolgen des konventionellen, nicht-nachhaltigen Pfades die Wahrscheinlichkeit einer irgendwann stattfindenden Abweichung verringert.

Den Grund für dieses Festhalten an einer irgendwann begonnenen Schrittfolge (in diese, jene oder solch eine Richtung) liefern sie gleich mit:

Menschen korrigieren einmal gefällte Entscheidungen und einmal eingeschlagene Richtungen ungern, weil das nicht nur den Orientierungsbedarf erhöht, sondern auch die Infragestellung und Revision einer ganzen Kette von Entscheidungen erfordert (Welzer 2005).

Haben wir genug Orientierungspunkte sammeln können? Und: wie stark hängen wir an unseren Entscheidungsketten der Vergangenheit? Stellen wir uns diesen Fragen!


Literaturverweis:

Sommer, Bernd/Welzer, Harald (Hrsg.) (2014): Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne, München: oekom verlag, S. 157/177
[ISBN 978-3-865-81662-7]

Welzer, Harald (2005): Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden, Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag
[ISBN 978-3-100-89431-1]

Postwachstum zwischen Anführungsstrichen: auch „kontraintuitiv“ handeln

Den sozialökologischen Bewegungen attestieren Welzer und Sommer (2014): sie würden

regelmäßig institutionalisiert und vom Markt absorbiert

und in Teilmärkte abgedrängt. Diese in den Kapitalismus eingebaute Bewegungsbremse ließen sich dadurch erklären, dass

bislang nur selten die Produktions- und Reproduktionsverhältnisse der Gesellschaft

im Fokus dieser sozialökologischen Bewegungen gestanden hätten. Daher schlussfolgern Sommer und Welzer:

Transformationen (und Transformationsdesign) müssen daher – auch wenn das zunächst kontraintuitiv erscheint – auf der Ebene des Sozialen ansetzen und nicht bei Themen wie Energie, Umweltschutz etc. Erst auf der Ebene des Sozialen entscheidet sich die Frage, wie eine Gesellschaft eigentlich aussehen soll, in der man leben will.

An der Frage nach dem viel zitierten „guten Leben“ – und den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen dafür – kommen wir offenbar nicht vorbei. Und sie richtet sich vordringlich an jene Menschen, die sozialökologische Bewegungen in selbiger halten wollen: in Bewegung eben.


Literaturverweis:

Sommer, Bernd/Welzer, Harald (Hrsg.) (2014): Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne, München: oekom verlag, S. 68
[ISBN 978-3-865-81662-7]

Postwachstum zwischen Anführungszeichen: über „Horizontverschiebung“

In der 28. Ausgabe der Zeitschrift oya aus dem September/Oktober 2014 schreibt Andrea Vetter unter der Überschrift des „Entwachstum“ darüber, dass die Vision hinter dem, was weltweit mit dem Begriff „Degrowth“ belegt wurde, letzlich auf eine Verschiebung des eigenen Horizonts hinausläuft. Vermutlich können wir unsere Vorstellungskraft hinsichtlich alternativer Lebens- und Wirtschaftsweisen vor allem dadurch vergrößern, dass wir den Rahmen des bislang Vorstellbaren neu vermessen. Dazu kann eine zurückgewonnene Kultur des Geschichtenerzählens und des tatkräftigen Probierens maßgeblich sein. Serge Latouche fordert uns in diesem Zusammenhang zu einer

Entkolonialisierung des Imaginären

auf. Das heißt dann wohl, unsere Imagination sei bislang nicht über den Status einer Kolonie eines neoliberalen, wachstumsökonomischen Zeitgeistes hinausgekommen. Das gilt es zeitnah zu ändern. Wenn aber auch eine „Degrowth-Gesellschaft“ mehr sein soll, als eine kollektive (Wirtschafts-)Wachstumsrücknahmesammelstelle, dann wäre sie wohl am ehesten – mit den Worten von Andrea Vetter – eine

Gesellschaft des Wesentlichen.

Das wiederum wirft die umfassendere Frage nach dem auf, was wir als dieses Wesentliche erachten wollen.


Internetquellen:

Vetter, Andrea (2014): Entwachstum. In: oya, 5. Jahrgang 2014, Ausgabe 28, September/Oktober 2014, S. 14-18

Latouche, Serge (2005): Nachdenken über ökologische Utopien. Gibt es einen Weg aus der Wachstumsökonomie? In: Le Monde diplomatique, deutsche Ausgabe vom 11.11.2005

Postwachstum zwischen Anführungsstrichen: von „Häufigkeitsverdichtung“

Für Jürgen Osterhammel (2011) stellt sich die vermeintliche „Große Transformation“ viel mehr

als ein Zusammenspiel von zahlreichen kleinen Veränderungen dar[…].

Diese Veränderungen verlaufen zudem keinesfalls synchronisiert.
Osterhammel vertrat bereits früher (2009), die Ansicht, dass im Falle von

Häufigkeitsverdichtungen von Veränderungen

eine grunsätzliche Umformung von Produktions- und Reproduktionsverhältnissen der Gesellschaft bewirkt werden kann. Die bisherige Erfahrung mit einer solchen Umwälzung (explizit genannt: die Industrielle Revolution) schließt eine administrative oder politische Planung nicht mit ein – aber schließt dieser Umstand eine solche Transformationby design“ aus?


Literaturverweis:

Osterhammel, Jürgen (2011): Geschichtskolumne. Große Transformationen, In: Merkur, Heft 7, 65. Jahrgang, Stuttgart: Klett-Cotta Verlag, S. 625-631
[ISSN 0026-0096]

Osterhammel, Jürgen (2009): Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, München: C.H. Beck, S. 51
[ISBN 978-3-406-58283-7]

beide zitiert nach:

Sommer, Bernd/Welzer, Harald (Hrsg.) (2014): Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne, München: oekom verlag, S. 60
[ISBN 978-3-865-81662-7]

Postwachstum zwischen Anführungsstrichen: die „Sinndimension“

Wenn Sommer und Welzer (2014) in ihrem Buch von Transformation „by design“ sprechen, können sie das nicht, ohne die Sinnfrage aufzuwerfen: Wofür sollten wir eine solche „intentionale Veränderung“ einleiten?

Tatsächlich gewinnen solche Ziele und Vorhaben [eine „Große Transformation“ in Richtung Nachhaltigkeit, die „Energiewende“ oder das „2-Grad-Ziel“] ihren Sinn ja erst darin, dass mit ihnen ein wünschenswerter gesellschaftlicher Zustand aufrechterhalten werden kann. Diese Sinndimension von Transformation gerät in der öffentlichen, politischen und wissenschaftlichen Debatte nicht in den Blick, weil sie sich auf technische und ökonomische Gesichtspunkte und auf Probleme der Implementierung eines neuen Energieregimes beschränkt.


Literaturverweis:

Sommer, Bernd/Welzer, Harald (Hrsg.) (2014): Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne, München: oekom verlag, S. 51
[ISBN 978-3-865-81662-7]