Postwachstum zwischen Anführungsstrichen: von „Prozessen des Aufhörens“

Luise Tremel (2015) sieht den Anlass der von ihr und anderen geforderten sozial-ökologischen Transformation nicht etwa in dem

Drang zur Eneuerung, sondern [… vielmehr in der] Erkenntnis, das etwas aufhören muss – die gigantische Produktion von CO2, die Ausbeutung aller in der Welt aufzufindenden Rohstoffe.

Ein aktives Aufhören sei notwendig angesichts der

Beharrungskräfte des Status Quo

bzw. eines

etablierte[…n] System[s] der Ausbeutung

in Wirtschaft und Gesellschaft.

Ihrer Einschätzung nach unterliegen

Prozesse des Aufhörens einer anderen Logik als Prozesse des Anfangens

und so stellt sie drei Thesen zur Logik der ersteren auf, die sie aus einer vermeintlich „gelungene[n] Abschaffung“ ableitet – jener der Sklaverei im atlantischen Raum:

  1. Abschaffung lässt sich nur realisieren, wenn alle an ihr beteiligt sind – womit der Staat in den Mittelpunkt rückt.
  2. Eine politische Mehrheit für ein Verbot/die Abschaffung ist nur über eine besondere Form der Kommunikation zu erreichen: das moralische Problem rückt ins Zentrum, die „Post-Abschaffungs-Zukunft“ wird vage gehalten, aber mit dem Prädikat „gut“ versehen – das Abzuschaffende ist ja seinerseits schlecht.
    Ziel: Kleinprofiteure sollen sich gegen die bestehende Ausbeutung aussprechen können. Gefahr: Eskalation ist absehbar, wenn Profiteure nicht zustimmungsfähig sind.
  3. Die (gesellschaftliche) Auseinandersetzung, welche die Transformation angestoßen hat, formt gleichzeitig die Gestalt der transformierten Gesellschaft.
    Mögliches Ergebnis: Es fehlt der vormals ausgebeuten Gruppe (Menschen des Globalen Südens, nachfolgenden Generationen, Tieren) bzw. dem Gut (hier also der natürlichen Umwelt) an weiterführenden Begleitung und zugleich schmerzt der Verlust der „ausbeutungsbedingten Privilegien„, auf den die Gesellschaft ihrerseits (z.T. bewusst) kaum vorbereitet wurde (siehe These 2).
    Gefahr: das „Funktions- und Machtsystem“ hinter der Ausbeutung konsolidiert sich trotz offizieller „Abschaffung“.

Tremel beabsichtigt mit der Präsentation ihrer Thesen angeblich vor allem,

sowohl die Auseinandersetzung als auch den Ausstieg für die abschaffende Gesellschaft und das Objekt der Ausbeutung glimpflicher zu gestalten als etwa bei der Sklaverei.

Sie spricht in diesem Zusammenhang von „gerichtete[n] Innovationen„, die auf die Substituierung bisheriger Lösungen zur Erfüllung gesellschaftlicher Bedürfnisse zielen.
Möglicherweise ist in ihrem geplanten Sammelband Innovation – Exnovation dazu schon bald genaueres (vor allem: praktischeres) zu erfahren.


Literaturverweis:

Tremel, Luise (2015): Etabliertes loswerden?, In: taz.zeozwei, 03.2015, S. 58
[ISSN 2194-1246]

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