Aus einer „rebellischen Abhängigkeit“ in „eine andere Welt“

Wanda Tommasi (1999) wird von Franziska Schutzbach in den Blättern für deutsche und internationale Politik (3’17) „Wider die bequeme Weltuntergangslust“ mit der Wortgruppe der

rebellische[n] Abhängigkeit

in Stellung gebracht. Damit gemeint soll sein: die permanente, zwanghafte Bezugnahme der Rebellierenden auf das, was von ihnen abgelehnt wird.

Schutzbach findet in der Schlussfolgerung daraus alltagstauglichere Formulierungen:

Selbst wenn vieles schlecht läuft und es Zwänge gibt, wo ist der Punkt, an dem ich bereits hier und jetzt Freiheit umsetzen kann?

Ihre Frage geht über in die Betrachtung einer quasi selbstreferentiellen Herrschaftskritik, zu deren Ende sie beitragen möchte:

Mit der Kritik an der Herrschaft ist zwar die Bedeutung und die Wucht von Herrschaft benannt, aber es bleibt unsichtbar, was sonst noch geschieht.

Damit würde in ihren Augen die Reproduktion einer (falschen) Vorstellung einhergehen,

es gebe kein Anderswo der Geschichte, kein Anderswo des Politischen, kein Anderswo der Existenz.

Mit der bloßen Ablehnung des Falschen folge man also (ungewollt) der Logik des Abgelehnten, man begebe sich in die zitierte Abhängigkeit:

Man richtet sich im Feld des Kritisierten ein und akzeptiert, selbst wenn man es bekämpft, die Dimension, die Richtung und den Raum des Kritisierten.

Mitnichten soll damit der Kritik an (kapitalistischer, autoritärer, patriarchaler) Herrschaft das Wort entzogen werden – vielmehr müsste sie sich ihrer Dependenz bewusst werden und Folgen zeitigen, die in gewisser Weise bereits eingetreten wären.
Ergänzt um Hegel’sche philosophische Herr-Knecht-Überlegungen aus dem Fundus von Simone Weil (1991), erklärt es Schutzbach zur

wichtigste[n] Arbeit der Unterworfenen, ihre Zustimmung zur Unterwerfung innerlich aufzukündigen,

da nur so die äußeren Zwänge solche bleiben und nicht ins Innere vordringen könnten. Die innere Aufkündigung müsse der „Knecht“ – laut Tommasi – gegenüber dem „Herrn“ durch Betonung der eigenen Unterschiedlichkeit im Vergleich mit diesem herausstellen. Und damit nicht genug: darüber hinaus solle er

versuche[n], diese Unterschiedlichkeit in gesellschaftlichen Umlauf zu bringen.

Der „Knecht“ hätte also im Aufkündigungsprozess nicht nur die Differenz zwischen sich und dem „Herrn“ für sich selbst zu erkennen und zu verinnerlichen, sondern müsste zusätzlich damit an die Öffentlichkeit gehen, eine (vermutlich möglichst große) Öffentlichkeit herstellen. Dem philosophischen Knecht – und mehr noch seinen realen Entsprechungen – wird hier viel abverlangt. Für Schutzbach – darin erkennbar von Tommasi überzeugt worden – steht fest,

dass wir einer anderen Welt nur näherkommen, wenn wir deutlich machen, dass diese ein Stück weit schon da ist.

Wenn also (in einem den Autor erfassenden Anflug von ver-Hegel-ter Personifizierung) der stellvertretende geknechtet Igel den symbolischen herrischen Hasen wissen ließe, dass er „schon da“ sei, könnte das nicht nur den/die Hasen an den Rand der Erschöpfung bringen, sondern auch den Igel und sein Umfeld darin bestätigen:

Es ist gut zu spüren, dass ich es anders mache.

Wenn das „Notwendige zu tun“ nicht zu „der Logik unserer Welt“ passe, wie Schutzbach abschließend behauptet – dann meint sie wohl

  1. damit nicht die Logik dieser anderen, schon vorhandenen Welt;
  2. dass Notwendigkeiten wie solidarisches Handeln, wenn ein anderer Mensch Hilfe benötigt, uns allen schon jetzt möglich sind (beispielhaft wird hier eine Frau in der Schweiz angeführt, die einer anderen Frau unter anderem bei Behördengängen hilft – beide haben Migrationsgeschichten);
  3. dass wir uns so aus der „rebellischen Abhängigkeit“ befreien können, weil an die Stelle blindwütiger Herrschaftskritik eine klare Distinktion gegenüber dieser nicht alternativlosen Herrschaft in konkretes Handeln mündet.

Beginnen wir derweil vorn: bei der inneren Aufkündigung der Unterwerfung in einer Welt, der eine andere bereits sicht- und spürbar auf dem Fuße folgt.


Schutzbach, Franziska (2017): Wider die bequeme Weltuntergangslust, In: Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 3/2017, S. 89-94

Tommasi, Wanda (1999): Die Arbeit des Knechts, in: Diotima: Jenseits der Gleichheit. Die weiblichen Wurzeln der Autorität, Sulzbach/Taunus: Ulrike Helmer Verlag, S. 87-119

Weil, Simone (1991): Cahiers, Band I, München, S. 74-78 sowie S. 105

Die Neue Arbeit zwischen Anführungsstrichen: die „Lohnarbeitspathologie“

Nicht weniger als das in dieser Form kaum mehr als zwei Jahrhunderte alte Lohnarbeitssystem, welches sich möglicherweise

bei genauerer Betrachtung als ein Instrument zur politischen und sozialen Machtausübung

erweisen könnte, wird von Frithjof Bergmann in seinem Werk Neue Arbeit, Neue Kultur aus dem Jahr 2004 repetitiv (soll heißen: er neigt zu Wiederholungen von bereits Geschriebenem) seziert und speziell sortiert auf eben jene Deponie der Ökonomie überführt, die es so lange genährt habe.
Dabei stößt er – wie sie sich seiner Meinung nach auch jedem

sozialwissenschaftlich geschulte[…] Arzt

darstellen müsste – auf

eine erschreckend umfangreiche Liste verschiedener Symptome und Krankheiten

dieses (daher: pathologischen) Lohnarbeitssystems – eine Analyse, die auch 12 Jahre später (in einem diskursiven Rahmen, in den wir heute Skizzen von GemeinwohlökonomieDeGrowth und Postwachstum eingespannt haben) nicht an Aktualität und Bedeutung verloren hat:

  1. Armut:

    Es ist in mehrfacher Hinsicht ein Fehler, diese Krankheit einfach mit der Arbeitslosigkeit zu identifizieren. Zum einen gibt es viel Armut außerhalb und jenseits der Arbeitslosigkeit. Es ist schon sprichwörtlich geworden, dass viele Menschen […] zwar einen Job haben, aber trotzdem nicht genug verdienen, um aus dem Sumpf der Armut herauszukommen.

  2. Spaltung:

    Eine Verkettung inzwischen bekannter Faktoren auf der einen Seite vergrößert die Masse derer, die in Armut leben. Aber dieselben Faktoren lassen auf der anderen Seite den Druck anwachsen, den Stress, die ständig zunehmende Beschleunigung.

  3. Unproduktivität:

    Während das Lohnarbeitssystem einerseits Berge von leeren Hülsen [in Form von“Füllwerk“ oder Scheinarbeit] erzeugt, lässt es andererseits große Bereiche notwendiger und wichtiger Arbeit [in der Kranken- und Altenpflege sowie Kindererziehung] ungetan.

  4. Unterforderung:

    Eine enorme Zahl Menschen, wahrlich Millionen und Abermillionen, arbeiten jeden Tag in der unverbrüchlichen Überzeugung, dass die Talente, die sie besitzen – vor allem ihre tief verborgenen und bislang nicht zutage geförderten Fähigkeiten – an ihrem Arbeitsplatz nicht genutzt werden.

  5. Wahnvorstellung:

    Solange man in dem Glauben lebt, dass die Zunahme der Arbeitslosigkeit oder Armut das einzige Alarmsignal ist, kann man an der Wahnvorstellung festhalten, dass noch mehr Druck, noch mehr Wachstum das Problem irgendwie lösen wird.

Wir waren in dieser Systematik nie wirklich Arbeitnehmer_innen (wer nimmt eigentlich und wer gibt in dieser Geschäftsbeziehung?) – sondern vielmehr Arbeitsplatzhalter_innen, die berufsalltäglich auf ihre Plätze verwiesen werden. Zumindest solange diese noch für uns vorgesehen sind.

Und immer, wenn sie [die von uns auf immer höhere Podeste namens Reichtum, Macht und Status gehobenen Wirtschaftsbosse] uns mit einem Mangel an Arbeitsplätzen drohten, haben wir unsere Umwelt bereitwillig aufs Neue geplündert und ausgebeutet, und mit ihr auch das gesamte Spektrum unserer kulturellen Traditionen und Institutionen sowie, und das keineswegs zuletzt, den Ethos und Stil unseres persönlichen Lebens.

Aber woran halten wir da eigentlich fest, bis die eine Hälfte der sog. Erwerbstätigen schlimmstenfalls ausbrennt, abraucht?
An sinnstiftender Arbeitsamkeit – oder doch hauptsächlich an Pflichterfüllung im Sinne der Kontostandhaftigkeit mit Blick auf das (mittlerweile digitalisierte) Dauerauftragsbuch des folgenden Monatsersten?
Und was ist mit jenen, die in der wachstumswahnsinnigen Arbeitsplatzlotterie das leidliche „Erwerbslos“ gezogen haben? Sind sie pflichtvergessen, unflexibel und „verdienen“ es nicht besser – oder verkörpern sie nicht doch systematischen Ausschuss, (wortwörtlich: in Kauf genommene) „Externalisierungen“ eines – selbst an seinen eigenen Maßstäben gemessen – ineffizienten Wirtschaftsmodells, dessen Verwertung an (dazu degradierten) „Humanressourcen“ uns alle mittelfristig immer weiter entwertet.

Diese Tatsachen [von Arbeit als einer den Menschen oft verkrüppelnde Krankheit] werden meist verschwiegen, weil man uns beigebracht hat, dass Arbeit immer ehrenwert ist, dass Faulheit eine Sünde ist und dass Menschen, die sich weigern zu arbeiten, verachtenswert sind. Und das, weil selbst die einfachste und niedrigste Arbeit auf magische Weise gut und ehrenwert wird, wenn man sie nur mit genügend Disziplin und Sorgfalt ausübt. Was für eine unglaubliche, zauberhafte Verwandlung!

Es müssen schlichtweg Alternativen zu solcher, von immer schwerer zu leugnenden pathologischen Zügen durchzogenen Lohnarbeit denkbar sein – und Bergmann hat sein philosophisches und praktisches Werk diesen Alternativen gewidmet. Sehen wir sie uns in kommenden Einträgen näher an!

Narrative der (Gemeinwohl-)Tat: Ein Anfang

Es war einmal… blickt auf eine Vergangenheit.

Es ist nun so… meint die Gegenwart zu erfassen.

Es wird gewesen sein… sieht in die (vorweggenommene) vollendete Zukunft.

Geschichtenerzählen ist ein nicht wegzudenkender Teil menschlicher Kultur, dessen kreative (im Sinne von „erschaffende“) und motivierende Kraft die rein konservierend-bewahrende Weitergabe von Wissen übersteigt. Wir alle sind Geschichtenerzähler_innen an jedem einzelnen Tag: über uns; über Menschen, die wir (glauben zu) kennen und über Menschen, die wir (noch) nicht kennen; über das, was wir sehen, riechen, schmecken, fühlen, erleben; über die (uns zugänglichen Ausschnitte einer) Welt, in der wir leben. Jede dieser Geschichten sagt mehr über uns selbst aus, als über das, worüber sie vermeintlich etwas erzählen sollte.

Die Kulturtechnik Storytelling sollte damit Genüge getan worden sein. Der Gedanke hinter Narrativen der (Gemeinwohl-)Tat greift auf, was FUTURZWEI. Stiftung Zukunftsfähigkeit als „Geschichten des Gelingens“ in ihrem umfangreichen Zukunftsarchiv bündelt. Und „aufgreifen“ ist hier nicht mit „to show some Copy&Paste-Love“ – was dem schlichten Kopieren der dortigen zweifellos gut geschriebenen Texte entspräche – zu verwechseln.
Wenn das Weitererzählen von Seiten der Stiftung mit dem fortgeschrittenen Deutschunterrichtsbezug im Namen, in dessen Vorstand ein gewisser Prof. Dr. Welzer sitzt (geübten Leser_innen dieses Blogs vielleicht nicht ganz unbekannt – sein aktuelles Buch: Die smarte Diktatur), ausdrücklich erwünscht ist… dann könnt ihr damit rechnen, dass sich einige davon – selbstredend in eigener gemeinwohltuender Erzählform – hier finden werden.

Andere Narrative der (Gemeinwohl-)Tat werden wir der zukunftsbefähigenden Stiftung vielleicht sogar voraushaben (oder hat jemand von euch dort z.B. schon Fairmondo entdeckt?) – ganz zukunftsweisend wäre das dann.
Lasst uns doch einfach gemeinsam diese Geschichten gelingender Gemeinwohltaten erzählerisch zusammentragen – seid eingeladen, jene gemeinwohltuenden Narrative zu finden, die wir uns gegenseitig erzählt haben werden…

Fairmondo stimmt eine zaghafte Internationale an

Wenn wir die reine Zahl der Crowdfunding-Kampagnen betrachten, mit denen Fairmondo seit 2012/2013 Geld eingesammelt hat, könnten wir uns die berechtigte Frage stellen: „Wann wird es denn endlich einmal gut sein?

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Und auf den Wortlaut geschaut, ist dies genau die richtige Frage, denn:
wann ist die Sache mit dem faireren, transparenten, genossenschaftlich organisierten Onlinehandel „auf einem guten Weg“? Wann ist es gut, woran all diese (ehrenamtlich) Engagierten im Team und eine Gemeinschaft von mehr als 2.000 Genossenschaftsmitgliedern seit Jahren (größtenteils unbezahlt) durchaus ermüdlich werkeln?

Die aktuelle Kampagne, die mit dem Stichwort der Internationalisierung steht, lässt erahnen, dass noch längst nicht alles gut ist (was ist das in diesem Zusammenhang überhaupt: Die Alternative zu den um sich greifenden Marktriesen geschaffen zu haben? Möglichst viele Genossenschaftsmitglieder zu gewinnen? Ausreichend hohe Umsätze und Provisionen für ein regelmäßiges, auskömmliches Einkommen für das Team zu generieren?) – aber: wird es denn besser?

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Fünfstellige Besucher_innenzahlen und Händler_innenumsätze, dreistellige Marktplatzprovisionen, ein Abo-Programm mit geringen Margen… auch die reinen Geschäftszahlen für das laufenden Jahr 2016 sind jetzt noch kein Anlass, den faireren Online-Marktplatz in Nutzer_innenhand zum Selbstläufer zu erklären und die Hände beruhigt von der Tastatur in den Schoß sinken zu lassen.

Statement_Christoph Das Interesse aus dem Vereinigten Königreich (wäre das nicht ein wirtschaftlicher „Brexit“ der erwünschten Art?) und den Vereinigten Staaten (aus California käme dann auch einmal etwas, das nicht den Anspruch hat, die Welt durch Datensammlung und Monopolbildung zu verändern…) daran, unter dem Banner Fairmondo eine quasi grenzüberschreitende Fairhandelszone zu bilden, beflügelt nun jedenfalls noch einmal das Team.

Wenn die Genossenschaftsmitglieder dann ebenfalls die Flügel schlagen und noch einige Menschen mehr ihre Begeisterung für einen Online-Marktplatz entdecken, in dem sie nicht nur Nutzer_in sind, sondern auch Teilhaber_in und Teil einer internationaler werdenden Gemeinschaft, und sich und sich dann auch noch be(-an-)teiligen… dann ist es (vielleicht schon sehr bald) endlich einmal gut damit! Das wär’s – ihr macht es möglich!

Faire Kiste als kleiner Welt(bauch)laden

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Fairer Handel – im Gegensatz zu den vereinzelten, fairwaschenen Sortimentsaufhübschungen im Discount-/Supermarkt-Regal sind (Eine-)Weltläden glaubwürdige Umschlagplätze für v.a. Lebensmittel aus Ländern dieser Erde, in denen der sog. Weltmarkt mit seinem ungebrochenen Freihandelsparadigma den Kleinbauern und -bäuerinnen keine existenzsichernden Preise zu zahlen bereit ist. Nun ist die vermeintliche Freiheit des Handels offensichtlich keine Garantie für Fairness oder gar Gerechtigkeit im Verhältnis zwischen dem Globalen Norden und dem Globalen Süden – hier lässt sich vielmehr unschwer ein neokolonialistisches Kontinuum erkennen.

Welchen Platz kann unter solchen Marktbedingungen ein abgespeckter kistenförmiger Welt(bauch)laden einnehmen? Damit lassen sich weiße Flecken einer Weltladen-Infrastruktur immerhin übergangsweise kompensieren. Zudem können auf diesem Weg faire(re) Produkte auch an Menschen herangetragen werden, die sonst vielleicht nie einen Fuß in einen Weltladen setzen würden.

Wenn ihr selbst eine solche Faire Kiste erwerben, aufstellen und bestücken wollt, dann ist die Fair-Handels-Beratung mit ihrem bundesweiten Netzwerk sicherlich ein geeigneter Erstkontakt. Für Mecklenburg-Vorpommern (und ggf. auch darüber hinaus) bietet die Ökumenischen Arbeitsstelle der Evangelischen Kirche in Rostock ein konkretes Angebot: 20 Euro für eine Kiste, wie sie oben zu sehen ist – nur die Produkte müssen dann noch besorgt werden. Hierfür ist eine Zusammenarbeit mit stationären Eine-Welt-Läden in eurer Region empfehlenswert, die auch bei der Produktauswahl unterstützend zur Seite stehen können.

Postwachstum zwischen Anführungsstrichen: über eine „licence to grow“

Martina Merz will in ihrem Kommentar Degrowth? Ach was! unter der Rubrik Neue Wirtschaft in der aktuellen Ausgabe (03.2015: Essen & Kämpfen) der taz.zeozwei – Das Magazin für Klima. Kultur. Köpfe weg von den in ihren Augen

verkopften Begriffe[n] und Systemerklärungsversuche[n]

wie Postwachstum und Degrowth – sie gingen quasi nichtssagend

an der unternehmerischen Realität vorbei.

Später stellt Frau Merz – neben der E-Fahrrad-Branche – vor allem

Biofirmen, ethisch-ökologische[n] Banken[…] und andere[n] ökologisch-soziale[n] Unternehmen

eine umfassende wie plakative

»licence to grow«

aus, mit der diese dann unter anderem

das Böse […] verdrängen

könnten. Diesem erklärten „Bösen“ stellt sie (ganz dualistisch) ein vermeintlich

gutes Wachstum

gegenüber, welches legitim sei und nur der politischen Förderung bedürfe, um den Menschen eineRechnung“ darüber vorzulegen, was sie

wie teuer zu stehen kommt.

Hier könnte Frau Merz möglicherweise unbewusst in die u.a. von Sommer und Welzer (2014: 78-86) beschriebene Falle der Ökonomisierung bzw. Inwertsetzung tappen. Ein Preisschild an jedem Teil der Bios- und Geosphäre, um eine solche „Rechnung“ über die

wahren Kosten der herkömmlichen Warenwelt

aufmachen zu können – das folgt letztlich nur konsequent der spätkapitalistisch-globalisierten Marktlogik, die in alle Bereiche des Lebens hineinzuwirken angelegt ist.

Ihr Abschlussplädoyer lautet:

Ran an das Verdrängungswachstum für ein gutes Leben!

Frau Merz als Gründerin einer „umweltorientierten“ Designagentur und Mitglied bei UnternehmensGrün (dem Bundesverband der „grünen Wirtschaft“) hebt durchaus mittelständisches und kleinunternehmerisches Ausbrechen aus dem Wachstumsdogma hervor und präsentiert mit Volker Plass (Bundessprecher der Grünen Wirtschaft aus Österreich) sogar eine Vision einer sesshafteren, sich vegetarisch ernährenden Weiterverwendungs- und Reparaturgesellschaft, in der Verzicht zu erwarten sei, der aber durch einen

Zugewinn an neuen sozialen Gesellschaftsformen (share economy, solidarische Landwirtschaft)

aufgefangen werden.

Sie trägt mit ihrer Wortwahl (Beispiel: „unternehmerische Realität“ und „Verdrängungswachstum“) sowie einem immanenten Dualismus (Gut vs. Böse) jedoch leider nicht wirklich zu einem konvivalistisch-solidarischen Grundton – weder in der Debatte noch in Bezug auf das von ihr betonte wirtschaftlichen Handeln – bei.


Literaturverweis:

Merz, Martina (2015): Degrowth? Ach was! In: taz.zeozwei, 03.2015, S. 71
[ISSN 2194-1246]

Sommer, Bernd/Welzer, Harald (Hrsg.) (2014): Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne, München: oekom verlag, S. 78-86
[ISBN 978-3-865-81662-7]

Die faire Welt des Onlinehandels senkt weiter ihre Zugangsschwelle

Ein Stück faire Online-Handels-Welt schon ab 10 € – so ließe sich wohl die aktuelle Änderung der Höhe des Genossenschaftsanteils an eben jener fair-welt-lichten Fairmondo eG besonders plakativ darstellen.

Die Genossenschaftsmitgliedschaft zum Preis eines Baum-Planzsets von meinwoody soll es auch den Menschen ermöglichen, ihren (Genossenschafts-an-)Teil zu einer faireren, auf den Online-Warenaustausch reduzierten Welt beizutragen, die ihr Geld bislang – drastisch formuliert – nicht durch ein Fenster im Stil der Renaissance werfen bzw. unter einer Brücke aus eben jener Epoche landen wollten. Zur Erklärung: Besagtes Fenster wie Brücke sind auf einem 50-Euro-Schein zu sehen, der stellvertretend für den bislang notwendigen Genossenschaftsanteil stehen kann.

Sofern die Zugangshürde zum Eintritt in die Genossenschaft hinter dem faireren Online-Marktplatz in Nutzer_innenhand bis dato also vom einzulegenden Geldbetrag aufgebaut worden sein sollte, wäre sie nun wohl für fast jede/n auf ein überwindbares Maß reduziert. Es mehr als 1.900 Mitgliedern gegenüber fast 8.400 Nutzer_innen (Stand: Juni 2015) gleich zu tun, kann euch euren eigenen und zugleich mit bald 2.000 Menschen geteilten Online-Marktplatz bescheren. Was ihr dann mit ihm anstellen, was ihr zu ihm beitragen wollt – das entscheidet ihr.

Vier Zehner mehr oder weniger – was ist euch ein Online-Handels-Platz wert, der seine Nutzer_innen nicht als willige Werbedatenlieferanten und bloße, unkritische Konsument_innen begreift, sondern als Mitgründer_innen einer faireren Plattform für den bewussten Warenaustausch im Netz? Erweitert jetzt euren Online-Handelsspielraum und zeigt euch widerständig gegenüber offenkundig profitgetriebenen, datenschutzlosen Aktiengesellschaften mit scheinbar reibungloser Benutzeroberfläche!

Postwachstum zwischen Anführungsstrichen: im „Selbstexperiment“

Stephan Rammler besteht im Interview mit Sommer und Welzer (2014) darauf,

dass das Private politisch ist. Es geht darum, die Dinge selber anders zu machen und eine private politische Praxis zu entwickeln. Das heißt, wenn ich über Konsummodelle oder ökologisch verträgliche Ernährungsgewohnheiten nachdenke, dann sollte ich selber damit experimentieren. Wenn ich über neue Mobilitätskonzepte nachdenke, sollte ich versuchen, neue Mobilitätspraktiken in meinen Alltag zu verweben. Es geht ja um Glaubwürdigkeit im politischen Prozess. Ein verändertes Konsumverhalten setzt zumindest Markierungen. Grüner Konsum wird die Welt nicht »retten«, aber im Privaten sich anders zu verhalten ist immerhin der erste Schritt.

Lasst uns uns selbst gegenüber glaubwürdig handeln – treten wir experimentierfreudig andere Pfade als den konsumistischen mit jedem neuen Schritt aus!

Vielleicht sehen wir aber gar nicht ein, warum unsere Schritte angesichts des globalen wachstumsgetriebenen Ganzen zählen sollten. Sommer und Welzer (2014) erkennen diesen vermeintlichen Widerspruch selbst an:

Insgesamt scheinen die oft sehr faszinierenden, aber alles in allem doch partikularen, wenn nicht sogar luxurierenden Transformationsbeispiele ausgesprochen klein gegenüber dem großen Problem einer strukturellen Einrichtung der Welt in Nicht-Nachhaltigkeit, wie sie gerade stattfindet. Tatsächlich kann man aber […] nicht wissen: […] welche weiteren, unbeabsichtigten und nicht-antizipierbaren Folgen ein Pfadwechsel hat, dessen Notwendigkeit hier begründet worden ist. Jeder Schritt in eine vom business as usual abweichende Richtung erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass auch der nachfolgende zweite, dritte, vierte Schritt in diese Richtung erfolgen wird – genauso wie umgekehrt das Verfolgen des konventionellen, nicht-nachhaltigen Pfades die Wahrscheinlichkeit einer irgendwann stattfindenden Abweichung verringert.

Den Grund für dieses Festhalten an einer irgendwann begonnenen Schrittfolge (in diese, jene oder solch eine Richtung) liefern sie gleich mit:

Menschen korrigieren einmal gefällte Entscheidungen und einmal eingeschlagene Richtungen ungern, weil das nicht nur den Orientierungsbedarf erhöht, sondern auch die Infragestellung und Revision einer ganzen Kette von Entscheidungen erfordert (Welzer 2005).

Haben wir genug Orientierungspunkte sammeln können? Und: wie stark hängen wir an unseren Entscheidungsketten der Vergangenheit? Stellen wir uns diesen Fragen!


Literaturverweis:

Sommer, Bernd/Welzer, Harald (Hrsg.) (2014): Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne, München: oekom verlag, S. 157/177
[ISBN 978-3-865-81662-7]

Welzer, Harald (2005): Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden, Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag
[ISBN 978-3-100-89431-1]

Im Sog des wasserreichsten Stroms: Lokaler Buchhandel

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Der an Arten überreiche tropische Regenwald am wasserreichsten Fluss dieser einen Erde, auf der wir beheimatet sind, hat etwas mit dem lokalen deutschen Buchhandel gemeinsam: die allmähliche Verdrängung durch Monokulturen. Im ersten Fall sind es Soja-Plantagen, im letzteren die Allmachts- und -versandphantasien eines angehenden Monopolisten aus der „Smaragdstadt“ (The Emerald City) in Nordamerika, dessen ursprünglicher Name Relentless (englisch für: „unbarmherzig“, „unerbittlich“, „gnadenlos“ – die Domain www.relentless.com verweist bis heute auf die Seite des Unternehmens) lauten sollte und letztlich doch die Amazone oder eben den Amazonas mit seinem Namen vereinnahmt.

Mit dem oben abgebildeten Schild (genannt: „Spruchkarte“, vom Diogenes Verlag in einer Abstimmung herauskristallisiert) wird in einem Ladengeschäft eines örtlichen Buchhandels die Aufmerksamkeit der/des Lesenden darauf gelenkt, dass der Kauf von Büchern in den (nur dem Namen nach: süd-amerikanischen) Stromschnellen des Online-Versandhandels unnötig ist. Wer meint, keine Beratung beim Bucherwerb zu brauchen, der/die kann seine/ihre Liste mit den gewünschten Druckerzeugnissen auch einfach dem/der Verkäufer_in im Buchladen übergeben und abarbeiten lassen. Die Wartezeit bis zur Ankunft im Ladengeschäft weicht selten von der des/der Postausliefernden ab.

Und wenn schon unbedingt Online-Bestellung, dann doch gleich auf der Internetseite der/des örtlichen Anbieter/s für Bücher – selbst dort schafft es eine Buchlieferung im (unnötigen) Fall des Falles bis an die eigene Haustür.

Fairmondo: Gebührende Rolle den Privatverkäufen

Dass es auf Fairmondo neben dem privaten Verkauf auch möglich ist, Artikel zu verleihen, zu tauschen oder gar zu verschenken, machte den faireren Online-Marktplatz in Nutzer_innenhand bereits im letzten Jahr zu einem glaubwürdig gemeinwohlorientierten virtuellen Handelsplatz.

Mit dem Aussetzen von Gebühren für Privatverkäufe wird der Handel zwischen privaten Nutzer_innen auf Fairmondo quasi hürdenlos – Spendenanteile für frei wählbare Organisationen (Studieren ohne Grenzen, Ingenieure ohne Grenzen, INKOTA, Hundertprozent, Oxfam Deutschland, BildungsCent e.V.) sind selbstverständlich weiterhin gern gesehen. Wenn die mehr als 7.100 Nutzer_innen dies nun zum Anlass nehmen, eigene Artikel online untereinander zu handeln (ob gegen Geld, im Austausch gegen andere Artikel oder gänzlich kostenfrei), dann kann der nutzer_innenorientierte Anspruch tatsächlich umgesetzt werden.

Was auf einem genossenschaftlich organisierten Online-Marktplatz vorrangig gehandelt werden soll, darüber entscheiden letztlich diejenigen, die eine Verwendung für ihn haben. Habt ihr eine, die über den simplen Kauf von neuen, möglichst rabattierten Artikeln werbewirksamer Marken hinausgeht?